Eine alte BILD-Titelseite macht gerade wieder die Runde. In großen Lettern steht darauf: „37 Grad. Es bleibt so heiß!“
Die Ausgabe stammt vom 5. August 1975. Wer die Seite heute teilt, fügt meist einen spöttischen Kommentar hinzu: Damals sei der Klimawandel ja noch nicht „erfunden“ gewesen, Greta Thunberg noch nicht geboren und CO₂ bloß ein harmloser Bestandteil der Luft.
Die Botschaft dahinter ist leicht zu entschlüsseln:
Seht her, schon 1975 waren es 37 Grad. Die heutige Hitze kann also nichts mit dem Klimawandel zu tun haben.
Das klingt auf den ersten Blick schlüssig. Tatsächlich beruht es auf einer einzigen, aber entscheidenden Verwechslung, nämlich der von Wetter und Klima.
Niemand bestreitet, dass es früher heiß war
Beginnen wir mit dem, was an der Schlagzeile stimmt: Ja, auch 1975 gab es heiße Tage. Es gab sie davor und es gab sie danach – Hitzewellen, Dürren, Stürme, eiskalte Winter. Kein Mensch in der Klimaforschung hat je etwas anderes behauptet.
37 Grad an einem Augusttag 1975 sind deshalb weder überraschend noch ein Gegenargument. Die Titelseite dokumentiert ein einzelnes Wetterereignis an einem Ort und an einem Tag. Mehr nicht.
Über die eigentlich interessante Frage sagt sie dagegen kein Wort: Wie entwickeln sich Temperaturen über Jahrzehnte? Wie oft, wie lange und wie großflächig tritt extreme Hitze auf, früher und heute? Genau hier liegt der Unterschied zwischen einem Wetterbericht und der Klimaforschung. Wetter ist die Momentaufnahme. Klima ist der lange Film. Ein einzelner heißer Tag widerlegt die Erderwärmung deshalb genauso wenig, wie ein kalter Wintertag sie widerlegt.
Oder, etwas anschaulicher: Ein Foto von einem vollen Glas beweist nicht, dass der Grundwasserspiegel steigt.
Wer also eine Schlagzeile von 1975 gegen 140 Jahre Messreihen ausspielt, prüft nichts, er ersetzt einen langfristigen Trend durch eine Momentaufnahme. Und was die langfristigen Messungen tatsächlich zeigen, sehen wir uns jetzt an.
Faktencheck | Klima & Wetter
37 °C im Jahr 1975 widerlegen Klimawandel nicht
Eine alte BILD-Schlagzeile zeigt ein einzelnes Wetterereignis – kein Klimaargument.
Dass es 1975 einen heißen Tag gab, bestreitet niemand in der Klimaforschung. Entscheidend für den Klimawandel ist aber nicht ein einzelner Wert, sondern wie sich Häufigkeit, Dauer und Intensität von Hitze über Jahrzehnte verändern. Genau das zeigen die Langzeitmessungen – und sie sprechen eine klare Sprache.
Schnellüberblick
Vier Punkte, auf die es ankommt
Ein heißer Tag ist Wetter
Klima beschreibt langfristige Muster über viele Jahrzehnte, nicht einen einzelnen Tag.
Deutschland ist wärmer
So stark stieg die Jahresmitteltemperatur zwischen 1881 und 2024 laut DWD.
Mehr als verdreifacht
Seit 1951 stieg die Zahl der Tage über 30 °C von rund 3 auf zuletzt über 11 pro Jahr.
Die Menge ist das Problem
CO₂ ist natürlich – entscheidend ist die zusätzliche Menge aus fossiler Verbrennung.
01 · Der Kern des Missverständnisses
Wetter und Klima sind nicht dasselbe
Die alte Schlagzeile dokumentiert ein konkretes Wetterereignis an einem bestimmten Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie sagt nichts darüber aus, wie sich Temperaturen über Jahrzehnte entwickeln – und genau darum geht es beim Klimawandel.
Ein einzelner heißer Tag widerlegt die globale Erwärmung deshalb genauso wenig, wie ein kalter Wintertag sie beweisen würde. Bildlich gesprochen: Ein Foto von einem vollen Glas beweist nicht, dass der Grundwasserspiegel sinkt.
Kurz erklärt
- Wetter
- Der kurzfristige Zustand der Atmosphäre an einem Ort – etwa die 37 Grad an einem Augusttag 1975.
- Klima
- Die typischen Wetterverhältnisse und langfristigen Entwicklungen über viele Jahre und Jahrzehnte. Die NASA definiert Klimawandel als langfristige Veränderung der durchschnittlichen Wettermuster.
- Heißer Tag
- In der Klimastatistik des DWD ein Tag mit einer Höchsttemperatur von mindestens 30 °C.
02 · Mythos-Check
Beweist eine Schlagzeile von 1975 das Gegenteil?
Schon 1975 waren es 37 Grad. Also kann die heutige Hitze nichts mit dem Klimawandel zu tun haben.
Die Titelseite belegt nur eines: Am 5. August 1975 berichtete die BILD über große Hitze. Sie widerlegt keine Messreihen und sagt nichts über langfristige Trends. Eine einzelne Schlagzeile ist kein Klimadatensatz.
Niemand behauptet, dass es früher keine heißen Tage gab. Entscheidend ist nicht, ob ein Wetterereignis schon einmal vorkam, sondern ob Häufigkeit, Dauer und Intensität solcher Ereignisse langfristig zunehmen.
03 · Was die Langzeitmessungen zeigen
Die Daten, nicht die Momentaufnahme
Für Deutschland reichen flächendeckende Temperaturmessungen bis 1881 zurück. Sie zeigen keine zufälligen Ausschläge, sondern eine deutliche Verschiebung des gesamten Temperaturniveaus – kühle Jahre bleiben möglich, treten aber vor einem insgesamt wärmeren Hintergrund auf.
Heiße Tage (Höchsttemperatur ≥ 30 °C) pro Jahr im Gebietsmittel Deutschlands. Skala beginnt bei null. Die Jahreswerte schwanken stark; der Spitzenwert 2022 (magenta) lag wie 2003, 2015 und 2018 zwischen 18 und 20 Tagen. Quelle: DWD / Umweltbundesamt.
Auch der Weltklimarat (IPCC) stellt fest, dass der menschengemachte Klimawandel Häufigkeit und Intensität extremer Hitze bereits erhöht hat – und dass beides mit jeder weiteren Erwärmung zunimmt.
04 · Zwei weitere Einwände
„CO₂ war doch schon immer da“ – und „1975 kannte man den Klimawandel nicht“
War CO₂ nicht schon immer in der Atmosphäre?
Ja. CO₂ ist ein natürlicher Bestandteil der Atmosphäre und für das Leben unverzichtbar. Das Problem ist nicht seine Existenz, sondern die zusätzliche Menge aus der Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas sowie aus veränderter Landnutzung. Diese verstärkt den natürlichen Treibhauseffekt. Auch Wasser ist natürlich – trotzdem macht es einen Unterschied, ob zehn Liter in der Badewanne liegen oder zehntausend im Wohnzimmer stehen. Bei vielen Stoffen entscheidet die Konzentration.
Wusste man 1975 noch nichts vom Klimawandel?
Der physikalische Treibhauseffekt wurde bereits im 19. Jahrhundert wissenschaftlich beschrieben – lange vor sozialen Netzwerken oder heutiger Klimapolitik. 1975 war die Forschung noch nicht auf dem heutigen Stand, das Grundprinzip war jedoch keineswegs unbekannt. Wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen nicht erst in dem Moment, in dem sie in einer Schlagzeile auftauchen.
Fazit
Früher war es heiß. Heute wird Hitze zum Trend.
- 1Ein einzelnes Wetterereignis von 1975 widerlegt keine jahrzehntelange Messreihe – es verwechselt Wetter mit Klima.
- 2Die Jahresmitteltemperatur in Deutschland ist seit 1881 um rund 2,5 °C gestiegen – statistisch gesichert.
- 3Heiße Tage haben sich seit 1951 mehr als verdreifacht; die zehn Spitzenjahre liegen alle seit 1994.
- 4Nicht die einzelne Temperatur zählt, sondern wie häufig, wie lange und wie großflächig Hitze auftritt.
Die Angaben beruhen auf öffentlich zugänglichen Daten von Deutschem Wetterdienst (DWD), Umweltbundesamt (UBA), NASA und Weltklimarat (IPCC). Der Temperaturanstieg von +2,5 °C (1881–2024) folgt dem seit April 2025 verwendeten LOESS-Trendverfahren des DWD; der frühere lineare Trend lag bei rund 1,9 °C. Die Werte zu heißen Tagen entsprechen dem UBA-Indikator (Stand 24.11.2025); Jahreswerte schwanken stark, der Langzeittrend ist deutlich steigend. Die zitierte Schlagzeile vom 5. August 1975 wird als Bilddokument wiedergegeben und ist nicht eigenständig geprüft – für die Beweisführung ist sie ohnehin nicht entscheidend.

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